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Liebe Freund*innen und Unterstützer*innen der PETZE,
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der aktuell öffentlich diskutierte Fall um Collien Fernandes hat eine breite Welle der Solidarität ausgelöst. Viele Menschen zeigen sich betroffen, viele äußern Unterstützung. Auch uns erreichen vermehrt Anfragen nach Fortbildungen und Angebote für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und Anfragen der Presse. Hier gelangt ihr zu unser kompletten Stellungnahme: https://petze-institut.de/ueber-die-petze/aktiv-werden/#stellungnahme
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Und gleichzeitig müssen wir in aller Deutlichkeit sagen: Dieser Fall überrascht uns nicht und wir werden es nicht zulassen, dass der Diskurs um Männergewalt und patriarchale Strukturen zu einer Debatte um Migrationspolitik verschoben wird. Der Fall Collien Fernandes hat die Schlagkraft um endlich einen Wandel in unserem Denken voranzutreiben. Er macht sichtbar, was Betroffene und Studien seit Jahren berichten – und was in unserer fachlichen Arbeit alltäglich ist: Sexistische Kommentare, Androhungen sexualisierter Gewalt, digitale Übergriffe, Gewalt in Beziehungen und massive Formen der Täter-Opfer-Umkehr.
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Digitale Gewalt ist dabei kein neues Phänomen. Sie ist die Fortsetzung bestehender Macht- und Gewaltverhältnisse mit digitalen Mitteln. Sie verstärkt Kontrolle, Demütigung und Entgrenzung – und macht Gewalt potenziell unendlich reproduzierbar.
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Was uns wütend macht: Dass es immer wieder prominente Fälle braucht, damit diese Realität gesellschaftlich wahrgenommen wird. Denn während öffentlich diskutiert wird, erleben viele Betroffene genau das Gegenteil von Solidarität:
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Schweigen. Zweifel. Relativierung.
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„Das können wir uns bei ihm gar nicht vorstellen!“
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„So etwas passiert an unserer Schule nicht!“
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„Das ist doch nur ein Foto, jetzt stell dich nicht so an!“
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„Warum verschickst du auch Nacktbilder von dir?“
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Diese Haltungen wirken sich auf Betroffene aus – auch auf Kinder und Jugendliche. Sie wirken vor allem über das, was in Organisationen alltäglich geschieht: über Routinen, Reaktionen und unausgesprochene Regeln. In der Pädagogik sprechen wir in diesem Zusammenhang auch vom „Hidden Curriculum“, also dem, was Kinder und Jugendliche jenseits offizieller Konzepte tatsächlich lernen. Sie lernen durch Beobachtung:
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- Wie wird über Gefühle gesprochen – auch mit Jungen?
- Werden Körper und Körperteile korrekt benannt oder tabuisiert?
- Gilt eine „Stopp“-Regel verbindlich – oder wird sie relativiert?
- Wie reagieren Erwachsene auf Grenzverletzungen?
- Wird sexualisierte digitale Gewalt ernst genommen – oder bagatellisiert?
- Werden Geschlechterrollen und sexualisierte Gewalt reflektiert und thematisiert?
Diese alltäglichen Mikropraktiken formen die Organisationskultur. Sie vermitteln Kindern und Jugendlichen, ob ihre Wahrnehmung ernst genommen wird, ob Grenzen gelten, und wie mit Macht und Verantwortung umgegangen wird. Werden Grenzverletzungen relativiert oder Gefühle infrage gestellt, entsteht eine implizite Lernumgebung, in der Machtasymmetrien normalisiert und Täter*innen unterstützt werden. Eine solche Kultur kann – auch ohne Absicht – dazu beitragen, dass Besitzansprüche, Grenzüberschreitungen und Machtausübung als akzeptabel oder unvermeidbar erscheinen.
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Prävention bedeutet deshalb, Organisationskultur bewusst zu gestalten: durch klare Haltungen, reflektierte Praxis und konsequentes Handeln im Alltag.
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Als PETZE erleben wir täglich, wie dringend erforderlich es ist, früh anzusetzen:
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Prävention bedeutet, Kinder und Jugendliche zu stärken, ihnen Wissen über Grenzen, Konsens und Rechte zu vermitteln, um damit auch Täter*innenprävention umzusetzen. Es bedeutet, Erwachsene in ihrer Vorbildfunktion und als Ansprechpartner*innen in die Verantwortung zu nehmen. Und es braucht eine Gesellschaft, die hinsieht und Position bezieht. Besonders wichtig ist dabei auch die Rolle von Männern: Gewaltprävention kann nur gelingen, wenn Männer Verantwortung übernehmen, eigene Haltungen reflektieren und ein Vorbild sind, das sich aktiv gegen Sexismus und Gewalt positioniert. Unser Feminismus bedeutet für uns nicht: gegen Männer. Sondern: mit Männern gegen patriarchale Gewalt.
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Was es jetzt braucht, ist mehr als Empörung:
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- eine konsequente Umsetzung der Istanbul-Konvention
- wirksame Regulierung digitaler Räume
- spezialisierte Strafverfolgung
- und vor allem: eine nachhaltige Stärkung der Präventionsarbeit in Kitas, Schulen und der Jugendarbeit
Denn: Prävention ist kein Zusatz. Sie ist die Voraussetzung für Schutz.
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Gleichzeitig sehen wir mit Sorge, dass genau diese Arbeit vielerorts unter Druck gerät, sei es durch fehlende Ressourcen, unsichere Finanzierung und politische Verschiebungen oder weil es schlicht der Lehrplan und die Zeit nicht erlauben. Auch wir können nicht alle Anfragen nach den interaktiven Ausstellungen und Fortbildungen bedienen. Das ist ein gefährliches Signal: Wer die Präventionsarbeit schwächt, stärkt Strukturen, in denen Gewalt entstehen und fortbestehen kann.
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Unser Auftrag bleibt klar: Wir bringen Prävention ins Rollen – und wir werden nicht müde, auf die strukturellen Ursachen von Gewalt hinzuweisen!
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Aber ohne EUCH geht’s nicht! Deshalb: Danke an alle, die Prävention ins Rollen bringen.
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Danke fürs Unterrichten, fürs Dranbleiben, fürs Laut-Werden. Danke fürs Teilen, Vernetzen und Sichtbarmachen. Danke für eure Solidarität mit Betroffenen.
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Und danke für eure Unterstützung: durch Spenden, durch das Einbinden unserer Arbeit und durch den Einsatz unserer Materialien in eurer Praxis.
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